Für Ehemalige

Aufruf zur Mitarbeit

Das Institut für angewandte Sozialwissenschaften Stuttgart sucht im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart für ein Forschungsprojekt ehemalige Heimkinder, die in der Zeit von 1950 bis 1969 oder in der Zeit von 1980 bis 1999 hier im Kinder- und Jugenddorf Marienpflege gelebt haben. Ebenfalls werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Zeiträume für die Studie gesucht.

Wir bitten interessierte Ehemalige und Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter, sich direkt dort zu melden, und würden uns über Ihre Mitwirkung freuen!

Details und Kontaktadresse finden Sie im PDF links.

Ehemaligentreff am 19.06.2010

Am 19. Juni fand in der Marienpflege wieder einmal ein Ehemaligentreff statt, der ja seit Jahrzehnten Tradition hat. Etwa 60 ehemalige Heimkinder und Schwestern kamen zu Besuch.

Eine kleine Rückschau von Ralf Klein-Jung - die Fotos dazu finden Sie in den Galerien!

Diesmal hatten wir eine besondere, keine leichte Überschrift gewählt: Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren. Dieses Thema beschäftigt die Öffentlichkeit schon seit einigen Jahren, vor allem wegen der Aufarbeitung der mitunter problematischen Heimerziehungspraxis in den 1950er und 1960er Jahren in der Bundesrepublik.

Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat sich mit der Thematik drei Jahre befasst, erkannte und bedauerte erlittenes Unrecht und Leid, das Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Erziehungsheimen in der Zeit zwischen 1949 und 1975 widerfahren ist. In der Folge beschloss der Deutsche Bundestag in fraktionsübergreifendem Konsens die Einrichtung eines Runden Tisches unter Beteiligung von Betroffenen, Trägern, Wissenschaftlern, Verbänden, Vertretern des Bundes und der Länder sowie Vertretern der Kirchen.

Der Runde Tisch »Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren« konstituierte sich am 17. Februar 2009 unter dem Vorsitz der Bundestagsvizepräsidentin a.D., Dr. Antje Vollmer. Bis Dezember 2010 wird der Runde Tisch in etwa zweimonatigen Abständen in Berlin zu seinen nichtöffentlichen Sitzungen zusammentreten.

Auch Bischof Dr. Gebhard Fürst wollte vergangenes Jahr mehr über leidvolle Erfahrungen von Heimkindern in unserer Diözese wissen möchte und hat mit einigen ehemaligen Heimkindern auch persönlich gesprochen. Im Herbst 2009 hat er dann einen Forschungsauftrag genehmigt zur Untersuchung der Lebenswirklichkeit in Heimen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Frau Constanze Störk-Biber vom Institut für angewandte Sozialwissenschaften aus Stuttgart war bei unserem Ehemaligentreffen anwesend, hat die Studie kurz erläutert und Ehemalige der Marienpflege sowie frühere Mitarbeiter und Schwestern zu Interviews eingeladen.

Zahlreiche Schwestern, die früher hier tätig waren, kamen zum Ehemaligentreffen. Sie haben Jahre und Jahrzehnte hier für die Kinder gearbeitet, unter heute unvorstellbaren Arbeitsbedingungen hier gelebt und gewirkt, eigene Grenzen erlebt, wurden auch von manchen Kindern in den „Wahnsinn“ getrieben. Und doch haben sie ihr Bestes gegeben, und dafür möchte ich an dieser Stelle von Herzen danken! Wir sind froh und dankbar, dass die Franziskanerinnen von Sießen seit 102 Jahren im Kinderdorf leben und tätig sind. Sr. Claudia-Maria Mühlherr, die sich im Orden federführend mit dem Thema „Heimerziehung und Missbrauch“ auseinandersetzt, war anwesend, konnte sich und ihre Arbeit in Sießen den Ehemaligen vorstellen und bot sich für anschließende Gespräche an.

Wie war es denn damals: Unzählige Lehrer, Erzieher, Priester, Ordensleute und Eltern in ganz Europa setzten Gewalt zur Disziplinierung, als Strafe und als Erziehungsmittel ein, und die Prügelstrafe in der Schule wurde hier im Land erst 1973 per Gesetz verboten!

Seit 1830 sind in der Marienpflege tausende Kinder aufgewachsen. Vor 1964 waren die räumlichen Voraussetzungen - aus heutiger Sicht - unvorstellbar, es gab wenig Personal und das oft nicht ausgebildet. Schlafsäle mit über 30 Betten, eine Schwester und ein "Fräulein" als einziges Personal, wenig Persönliches, oft ein rigider Umgang.

Ich selbst habe in den letzten 18 Monaten mit etwa 50 Ehemaligen gesprochen, die vor 40 und mehr Jahren in der Marienpflege gelebt haben. Auch in Gesprächen mit früheren Schwestern und Mitarbeitern konnte ich ein Bild davon bekommen, welche Lebens- und Arbeitsbedingungen damals hier herrschten.

In einigen Gesprächen musste ich auch erfahren, dass auch in der Marienpflege einzelne Menschen gearbeitet haben, die die Kinder besonders hart angefasst haben, die auch nach den damaligen Wertmaßstäben über das „normale“ Maß hinaus Kinder geschlagen, missbraucht, gedemütigt haben. Es sind nur wenige, aber erschütternde Berichte, von Menschen, die teils bis heute unter diesen Traumatisierungen leiden.

Seit November letztes Jahr spreche ich auch auf unserer Homepage im Internet offen darüber und entschuldige mich ausdrücklich bei allen Kindern, die so etwas bei uns erleben mussten. Auch wenn mir ein Ehemaliger sagte, ich müsse dies nicht tun, zumal ich ja damals gar nicht in Verantwortung stand, ist es mir ein Herzensanliegen: Es ist gut, dass die Politik und die Gesellschaft seit einigen Jahren hier genau hinhört und hinschaut, denn wir können und müssen hier gemeinsam Tabus aufheben, den Betroffenen ermöglichen über Erlebtes zu sprechen, ihnen bei der Bewältigung ihrer Erfahrungen helfen und zugleich daraus lernen, was wir heute in der Heimerziehung besser und anders machen können. Und wir haben vor zwei Jahren das Archiv sortiert und nun die meisten Akten der Heimkinder bis etwa 1919 zurück schnell zur Hand und können sie interessierten Ehemaligen zur Verfügung stellen.

Mir wurde in den vielen Gesprächen auch oft deutlich, warum die damaligen Täter so gehandelt haben: Aufgrund von Überforderung, aufgrund mangelnder pädagogischer Kenntnis, aufgrund eigener Probleme, aufgrund ihres Charakters. Die Nachkriegsgeneration war zudem noch völlig anders geprägt, vom eigenen Elternhaus und oft selbst traumatisiert durch den Krieg, durch Verluste von Familienangehörigen, durch Erfahrung von Not.

Das alles entschuldigt keinerlei demütigendes, gewaltsames Verhalten, aber es hilft zumindest manches zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass auch die damals Verantwortlichen härter eingeschritten wären, wenn sie mehr von manchem Übergriff gewusst hätten.

Im Archiv habe ich auch in den Nachkriegsjahren eindrucksvolle Belege gefunden, mit welch hohen moralischen Ansprüchen die damaligen Direktoren und Schwestern die Erziehung der Kinder gestaltet haben und – trotz bescheidender finanzieller Möglichkeit – so vieles für die Kinder getan haben. Betonen möchte ich, dass ich in unserem Archiv und in den Gesprächen keinerlei Belege, Berichte, konzeptionelle Aussagen gefunden habe, die Demütigungen, Gewalthandlungen, Missbrauch von Kindern gutheißen oder unter den Teppich kehren.

Als Monsignore Erwin Knam 1959 nach Ellwangen kam, fand er Lebens- und Arbeitsbedingungen vor, die ihn erschütterten. Sehr schnell entstand glücklicherweise seine Vision vom Kinderdorf, und er zog durch ganz Deutschland und erzählte den Menschen, dass man den Kindern ein Zuhause, eine liebvolle, familiär geprägte Umgebung schaffen müsse, damit sie gut aufwachsen und stabil ins Leben gehen. Und viele Menschen ließen sich begeistern und stehen uns bis heute im Freundeskreis hilfreich zur Seite - von Herzen Dank dafür!

Es war ein guter Tag, wenn auch nicht immer leicht: Fröhliche und ernste Begegnungen, vorsichtige Zurückhaltung und Wiedersehensfreude, interessante Erzählungen zum damaligen Heimalltag und kritische Berichte, Austausch von Adressen und die Bitte von 10 weiteren Ehemaligen um Einsicht in ihre damalige Kinderakte.

Das Schönste war für mich, dass ein Tag der Begegnung und des Gesprächs möglich war für ehemalige Heimkinder, frühere Mitarbeiter und Schwestern, damals und heute Verantwortliche. Damit wird nicht das Leid Einzelner ungeschehen, aber sie erhalten Aufmerksamkeit, Wertschätzung und – wenn gewünscht – beratende Hilfe. Und wir können daraus lernen und es heute besser machen!

Mitbewohner/ Mitschüler gesucht!

Einige Ehemalige haben sich gemeldet und suchen Mitbewohner / Mitschüler von damals, zum Beispiel

Wenn Sie auch Ehemalige suchen:
Wir können keine Namenslisten etwaiger Mitbewohner herausgeben, wie es manche Ehemalige erhofft haben. Wenn wir aber eine aktuelle Adresse eines früheren Mitbewohners kennen, fragen wir ihn gerne in Ihrem Namen an und vermitteln Ihre Adresse weiter. Dann bleibt es ihm überlassen, ob er sich bei Ihnen meldet. Oder wir stellen solche Kontaktsuchen mit Ihrer Erlaubnis oben ein.

Viele Ehemalige haben sich auch via Internet wieder gefunden, z.B. bei www.stayfriends.de unter "Marienpflege", www.123people.de, www.yasni.de, www.personensucher.dewww.wer-kennt-wen.de, www.facebook.comwww.dasoertliche.de und andere.

 

Eine Kindheit im Heim

Seit 1830 sind in der Marienpflege tausende Kinder aufgewachsen. Vor 1964 waren die räumlichen Voraussetzungen - aus heutiger Sicht - unvorstellbar, es gab wenig Personal und das nicht unbedingt ausgebildet. Schlafsäle mit über 30 Betten, eine Schwester und ein "Fräulein" als einziges Personal, wenig Persönliches, ein rigider Umgang.

Es gibt auch Berichte Ehemaliger, die die schönen Seiten dieser Zeit in Erinnerung haben: Die Gemeinschaft, die Musik, regelmäßiges Essen und manche Freizeitaktivität und mancher unvergeßliche Streich.

Viele Ehemalige berichten, dass sie damals in der Marienpflege auch gelernt haben, sich "durchzubeißen". Stolz erzählen sie, was aus ihnen geworden ist, und viele unterstützen im Freundeskreis der Marienpflege unsere heutige Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien.

 

 

"Heimkind" - auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit?

Manche Ehemalige wissen gar nicht, wieso sie ins Heim mußten. Jahrzehnte später plagen sie Fragen über die eigene Herkunft: Wo komme ich her? Wer waren eigentlich meine Eltern? Habe ich Geschwister? Wer war meine Familie, waren meine Vorfahren? Was ist aus meinen damaligen Mitbewohnern geworden?

Immer wieder fragen Menschen bei uns an, ob noch Unterlagen aus ihrer Zeit im Kinderdorf vorhanden sind. JA - wir haben noch sehr viele "Bewohnerakten"; ab 1830 in Form von Belegungsbüchern und Listen, ab etwa 1919 als Einzelakten in unserem inzwischen gut sortierten Archiv.  

Wir mußten in den letzten Jahren aber auch feststellen, dass die eine oder andere Akte gefehlt hat und dass in vielen Akten nur wenige und/oder recht formale Unterlagen enthalten sind: Beispielsweise Amtsschreiben, medizinische Informationen u.ä.

Manchmal sind aber auch - vor allem für den Betroffenen interessante - Berichte über die Entwicklung des Kindes enthalten, manchmal auch Krankenblätter, Schriftwechsel mit der Familie, Geburtsurkunden, schulische Unterlagen, Kinderzeichnungen und anderes.

 

Herzliche Einladung

Sie haben einige Jahre hier in der Marienpflege gelebt, möchten gerne mal vorbei kommen, reden, Ihre Unterlagen einsehen? Melden Sie sich doch einfach und wir sprechen uns ab, ob Sie zu Besuch kommen möchten oder lieber "Ihre" Akte als PDF-Scan per E-Mail nach Hause möchten. In jedem Fall brauchen wir eine Legitimation, d.h. eine Kopie Ihres Personalausweises - denn Sie und wir wollen nicht, dass Ihre persönlichen Unterlagen in falsche Hände kommen. Aus Datenschutzgründen müssen wir manchmal in dem PDF-Scan die Namen von Mitbewohner/-innen schwärzen, was auch bundesweit vom Runden Tisch zur Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren empfohlen wurde. Dafür bitten wir um Verständnis.

Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren - Runder Tisch in Berlin

Manche Ehemalige hadern bis heute mit ihrer Zeit in der Marienpflege. Sie berichten eindrücklich von erlebter Gewalt und Mißhandlung durch Mitarbeiter oder Mitbewohner, von Demütigungen, von Zwängen und Kränkungen, von fehlendem Einfühlungsvermögen und harten Strafen. Auch wenn damals die Erziehungsbedingungen in der gesamten Gesellschaft vergleichbar waren und die Erziehungsheime staatlicherseits wenig Unterstützung erhielten, rechtfertigt dies nicht das Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter, die aus Unkenntnis oder Überforderung Kinder so behandelt haben.

Wenn Sie so etwas erleben und aushalten mußten, entschuldige ich mich als heute Verantwortlicher von Herzen! Aus persönlichen Gesprächen mit Ehemaligen, die oft Jahrzehnte gebraucht haben, bis sie das Gespräch suchten, weiß ich von mancher Mißhandlung und Demütigung und bedaure zutiefst, dass es solche Vorfälle auch in der Marienpflege gab. 

Wir arbeiten derzeit aktiv die 50er und 60er Jahre der Heimerziehung auf diözesaner Ebene auf. Wenn Sie in dieser Zeit hier gelebt haben, melden Sie sich doch bei mir und helfen bei dieser Aufarbeitung.

In unserer heutigen Arbeit achten wir sehr darauf, dass die Rahmenbedingungen gut sind, dass sich solches Fehlverhalten nicht wiederholt und dass die Kinderrechte gewahrt werden. Wir erziehen die Kinder zu mündigen Menschen, pflegen Beteiligungsmodelle und entwickeln das Beschwerdemanagement weiter.

Ralf Klein-Jung
Vorstand der Marienpflege Ellwangen

Ihr Ansprechpartner

Ralf Klein-Jung
- Vorstand -

Telefon
07961 884-100
Telefax
07961 884-222
Dalkinger Str. 2, 73479 Ellwangen

r.klein-jung(at)marienpflege.de

Hotline

Die katholische Kirche hat für ehemalige Heimkinder und für Missbrauchsopfer Internetseiten und Telefonhotlines eingerichtet, auf die wir gerne hinweisen.

 

Heimerziehung der 50er und 60er Jahre

In SWR 4 - Schwabenradio, Barbara Haug berichtet am 08.12.2009:
"Die bundesweite Debatte über Misshandlungen in Kinder- und Jugendheimen in den 60er und 70er Jahren bringt Heimleitungen dazu, ihre Vergangenheit zu überdenken: um ihrer selbst willen und für die ehemaligen Heimkinder."

 

"Ich will für dich da sein"

Zum 50jährigen Jubiläum von Msgr. Erwin Knam im Kinderdorf hat unser Ehemaliger Michael Eller dem Jubilar ein tolles Lied geschrieben!

Mercedes und das Kinderdorf

Mario Raster, ein Ehemaliger, der heute für Mercedes in Stuttgart arbeitet, hat schon viele schöne Aktionen für und mit den heutigen Kindern gestartet. Auch für unser Kinderdorffest organisiert er immer eine Attraktion. Lieber Mario - Danke für die große Unterstützung!

Das große Benefizturnier

Josef Eller ist Ehemaliger und Fußballnarr - ihm verdanken wir das jährliche große Benefizturnier mit bundesweiten Spitzenmannschaften der E- und F-Jugend. Er ist auch Initiator und Vorsitzender des Vereins "Kinder von der Strasse".

 

Siegerehrung 2009 (von rechts): Msgr. Erwin Knam, Ellwangens Oberbürgermeister Hilsenbek, Schirmherrin Ulla Hausmann, Turnierchef Jo Eller, Vorstand Ralf Klein-Jung

Familie Eller einen herzlichen Dank für dieses tolle Turnier!

Ein Erfahrungsbericht von 2008

Sehr anschaulich hat eine junge Frau im Rahmen einer schulischen Hausarbeit 2008 ihren Weg in der Marienpflege beschrieben. Lesenswert!