190 Jahre Marienpflege

Mitarbeiterbrief des Vorstandes

An Ostern habe ich unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine ausführlichen Brief geschrieben mit der Botschaft "Durchhalten - und aus der eigenen Geschichte Mut schöpfen und lernen!". Da wir schon 190 Jahre alt sind, gibt es Interessantes zu berichten. Und weil ich denke, dass dies auch viele Freundeskreismitglieder interessiert, habe ich den Brief hier veröffentlicht. 

Ralf Klein-Jung

„Gemeinsam schaffen wir (auch) das!"

 

Wir lernen aus unserer Geschichte

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

das Osterfest steht an, und Sie bekommen zum ersten Mal an Ostern Post vom Vorstand. Erst einmal von Herzen Dank an alle, die in den letzten Wochen nicht in Wehmut gefallen sind oder „Krise geschoben haben“ sondern einfach ihre Arbeit gemacht haben! Und an alle, die in den letzten Wochen sehr viel gearbeitet haben – nur nicht da wo sie sonst sind! Und die, die den Kopf nicht „in den Sand stecken“, sondern die optimistische Haltung leben: „Gemeinsam schaffen wir (auch) das!“

„Zerreiß deine Pläne. Sei klug – und halte dich an Wunder“. Das hat Mascha Kalenko in einem Gedicht geschrieben, und irgendwie fühlt es sich seit Wochen genauso an. Verunsichert sind momentan eigentlich fast alle: Nichts ist wie sonst, die schrecklichen Bilder in den Medien zeigen die schlimmen Auswirkungen des neuen Virus, die Gesellschaft fährt ihre Wirtschaft und das persönliche soziale Leben herunter. Aktuell weiß niemand wie das Ganze wieder „hochgefahren“ wird – und was dann klappt und was nicht.

Schwere Zeiten. Nicht zum ersten Mal in der Marienpflege! Noch im Februar habe ich intensiv in unseren Archivunterlagen gestöbert, weil wir in diesem Jahr eigentlich feiern wollten. Ich möchte Sie alle heute in dieser Form daran teilhaben lassen, denn im Keller der Marienpflege liegt „Gold“. Unsere Vorgänger und Vorfahren haben uns in 190 Jahren Kinderrettungsanstalt Marienpflege gezeigt, dass es immer wieder sehr schwere Zeiten gab. Schwere Zeiten, in denen die handelnden Menschen Berge versetzt haben oder ziemlich „kopflos“ unterwegs waren. Heir eininge Beispiele aus unserer Geschichte: 

„Im Sommer 1846 brach im Dachstuhl der Klosterkirche ein Feuer aus…. Beim Retten herrschte eine unglaubliche Kopflosigkeit. So wurde das Tafelklavier aus dem ersten Stock geworfen, damit es nicht verbrannte. Die Milch wurde gerettet, indem man sie aus dem Fenster schüttete.“

„Die Kinder trugen Anstaltskleidung, das Essen war einfach, die Schule streng, die Mitarbeit auf dem Bauernhof selbstverständlich, die Zucht und die Strafen hart, die Berufs- und Lebensperspektiven düster. Es fehlte immer an Personal. Vom Hausvater wurde Unmögliches verlangt: Er war Heimleiter, Lehrer und Bauer zugleich. Seine Frau nahm, -wie es einmal in den Akten heißt- "die 80 Waisenkinder zu sich in die Familie auf". Die weiteren Angestellten sind schnell aufgezählt: Ein Stallknecht, ein Tagelöhner, eine Näherin, eine Küchenmagd, eine Stallmagd und hin und wieder ein Lehrergehilfe.“

„Unter Hausvater Krieg (1866 - 1876) geriet die Marienpflege in schwerste Bedrängnis. Infolge Alters und Krankheit war er seiner schweren Aufgabe nicht mehr gewachsen. Die Kinderzahl war von nahezu 80 auf 37 zurückgegangen, weil die belegenden Oberämter Bedenken hatten, Kinder in die Anstalt zu bringen, die unter seiner Leitung einen sehr schlechten Ruf hatte. Wo immer in der Stadt „Bubereien“ angestellt wurden, wurden die Waisenkinder verdächtigt. Auch die Mitarbeiter taten, was sie wollten.“

„Anfang 1880 brach eine Diphterie-Epidemie aus. Da überließ die Hausmutter ihre eigenen Kinder dem Hausvater, um sich mehrere Wochen lang zur Pflege der schwerkranken Waisenkinder isolieren zu lassen, auch auf die Gefahr hin, selbst Opfer der Krankheit zu werden. Damals starben vier Kinder, fünfzehn weitere waren sterbenskrank.“

„Um 1900 war der Mangel an Personal katastrophal. 7 Personen, davon nur der Hausvater fachlich qualifiziert als Lehrer. Für einen Hilfslehrer, der wegen Missbrauch ins Gefängnis kam, fand sich kein Ersatz.“

„1902 stellte die Medizinalvisitation völlig unzureichende Verhältnisse in der Marienpflege fest. Die sanitären Einrichtungen waren unzumutbar, die Schulräume ungenügend, die Unterbringung der Kinder schlecht. Man beschloss, die alten Klosterräume gründlich zu sanieren.“

„1945 kamen viele Kinder aus den umliegenden Dörfern, Weilern und Bauernhöfen wieder zurück in das Waisenhaus. Sie waren teils bis zu 2 Jahre nach Matzenbach, Unterdeuffstetten, Schwäbisch Gmünd, Mulfingen ausgelagert worden, auch um sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Kinder verlegt, Unterlagen vernichtet – diesen Kindern konnte nichts passieren. Viele wurden bei ihrer Rückkehr mehrere Tage in den Anbau des Jugendstilgebäudes in Quarantäne untergebracht, da sie völlig verlaust waren und diverse Krankheiten mitbrachten.“

„Anfang der 80er Jahre nahm auch die Marienpflege einige Kinder aus Kambodscha auf. Sie lebten die ersten Wochen im Goldrain-Sportgelände und wurden auch dort unterrichtet – im Kinderdorf war anfangs kein Platz. Es war die Flüchtlingswelle der sogenannten „boatpeople“ – 35.000 Flüchtlinge kamen in kürzester Zeit aus Vietnam, Kambodscha, Laos nach Deutschland“.

„2015 bis 2019 haben wir erst in Haus 16, dann in unserer Außenstelle Fachzentrum Inobhutnahme Josefstal über 400 junge Menschen aus fast allen Ländern dieser Erde als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen und mehrere Tage, Wochen oder gar Monate begleitet. Sie brachten auch fast alle Krankheiten dieser Erde mit: Flöhe, Läuse, Krätze, Tuberkulose, Hepatitis, HIV... Und nicht bei allen und allem wussten wir das schon zum Zeitpunkt der Aufnahme.“

Was wir in der Marienpflege schon alles aushalten mussten und hinbekommen haben! Ich bin so stolz auf diese Mannschaft – damals wie heute. Und ich bin überzeugt dass wir auch in den kommenden Wochen und Monaten Lösungen finden werden, selbst wenn wir in Wohngruppen Quarantäne für Kinder und betreuende Mitarbeiter organisieren und aushalten müssen. Danke an 285 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich solchen Herausforderungen stellen und zum Wohle unserer betreuten Kinder einfach so toll weitermachen.

Manche erleben gerade existenzielle Verunsicherungen im persönlichen Umfeld. Ihnen sei gesagt: Die Marienpflege steht wirtschaftlich sehr stabil da. In der Sprache der Wirtschaft würde man sagen: „Volle Auftragsbücher, gute Leistungsverträge, hohe Betriebsmittelrücklagen und sichere Arbeitsplätze.“ Das ist unser gemeinsamer Verdienst, weil wir seit Jahren sehr dynamisch und zugleich solide unterwegs sind. Viele haben es vielleicht im März gemerkt, als die bereits Anfang 2019 beschlossene zweite Stufe der AVR-Gehaltserhöhung stillschweigend im Lohnzettel stand. Unsere Herausforderung liegt aktuell nicht im Wirtschaftlichen, sondern im Aushalten und Gestalten.

Lassen Sie uns aus unserer Geschichte lernen und nicht kopflos, sondern entschieden unterwegs sein.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes und frohmachendes Osterfest!

Ralf Klein-Jung
Vorstand

Zeichen der Hoffnung

Dieses große Bild hängt seit der Karwoche für einige Wochen als Hoffnungsgeber auch für die Ellwanger Bürgerinnen und Bürger groß an der Fassade unseres historischen Jugendstilgebäudes.

Das Motiv hat uns 2008 Sieger Köder zur Verfügung gestellt für die Festschrift "100 Jahre Franziskanerinnen von Sießen in der Marienpflege".
Regenbogen, Arche, Taube mit Ölzweig sind christliche Symbole der Hoffnung, der Zuversicht und des Gottvertrauens  -  all das brauchen wir gerade in Zeiten von Corona.