1901: Ein Neubau

Viel Not - und noch mehr Mut und Entschlossenheit

Der Marienpflege sollte 1902 ein weiteres Stockwerk aufgesetzt werden. Der Plan sah sogar vor, sie in ein Barockgebäude umzuwandeln! Er wurde nicht ausgeführt.

Als Kaplan Eberhard 1901 in der Marienpflege zu wirken begann, war sie schon 70 Jahre alt. Diese Jahre sind etwa so zu umschreiben: Ein Hausvater war für die 50-80 verwaisten oder verwahrlosten Kinder verantwortlich. Diese lebten in einem ehemaligen Kapuzinerkloster, das König Wilhelm I. unentgeltlich für ein Waisenhaus zur Verfügung gestellt hatte (1830). Die Kinder trugen Anstaltskleidung, das Essen war einfach, die Schule streng, die Mitarbeit auf dem Bauernhof selbstverständlich, die Zucht und die Strafen hart, die Berufs- und Lebensperspektiven düster. Es fehlte immer an Personal. Vom Hausvater wurde Unmögliches verlangt: Er war Heimleiter, Lehrer und Bauer zugleich. Seine Frau nahm, -wie es einmal in den Akten heißt- „die 80 Waisenkinder zu sich in die Familie auf“. Die weiteren Angestellten sind schnell aufgezählt: Ein Stallknecht, ein Tagelöhner, eine Näherin, eine Küchenmagd, eine Stallmagd und hin und wieder ein Lehrergehilfe.

1902 stellte die Medizinalvisitation völlig unzureichende Verhältnisse in der Marienpflege fest. Bereits in der ersten Sitzung des Verwaltungsrats, bei der Kaplan Eberhard mitwirkte, kamen diese Verhältnisse zur Sprache. Die sanitären Einrichtungen seien unzumutbar, die Schulräume ungenügend, die Unterbringung der Kinder schlecht. Man beschloss, die alten Klosterräume gründlich zu sanieren. Zuvor jedoch sollten die Eigentumsverhältnisse des Anstaltsgebäudes geklärt werden. Die Regierung in Stuttgart lehnte jedoch nicht nur eine Schenkung, sondern auch den Verkauf des Klosters kategorisch ab. Unter diesen Umständen spielte der Verwaltungsrat mehrmals mit dem Gedanken, das Waisenhaus überhaupt aufzugeben, da eine Fortführung zum Wohl der Kinder nicht mehr zu verantworten sei. Schließlich fand sich ein Ausweg.

Man kaufte das benachbarte Grundstück und erstellte darauf in den Jahren 1907 und 1908 das heutige Hauptgebäude. Wenn man weiß, mit welchem „Gottvertrauen“ man da an Werk ging, kann einem heute noch ein wenig das Gruseln kommen. Der Bau kostete damals die schwindelerregende Summe von 16.500 Mark. Eigenmittel waren praktisch keine vorhanden. Trotzdem begnügte man sich nicht mit einer billigen Zwischenlösung, sondern strebte die damals als optimal angesehene Generallösung an. Finanziert wurde neue Gebäude durch ein Legat der Prinzessin Marie, einen Staatszuschuß, einer Lotterie und vielen Spenden. Das Gebäude wurde 1907/1908 im Jugendstil errichtet und bildet seitdem den dominierenden Abschluß der Marienstraße nach Süden.

Kaplan Eberhard hat alle diese schweren Entscheidungen mitverantwortet. Ich bin überzeugt, dass er die anderen Herren vom Verwaltungsrat immer wieder ermutigte, das großzügige Gebäude zu erstellen. Denn er erlebte die Not der Waisenkinder fast täglich aus nächster Nähe, da er als Religionslehrer alle Kinder persönlich kannte.

 

 

Kaplan Eberhard war ein Segen für das Waisenhaus

Kaplan Anton Eberhard

Ja, zum Helfen und Heilen fühlte er sich berufen. Dies konnte er nicht nur als Katechet im unmittelbaren Umgang mit den Kindern tun, dies konnte er vor allem auch als Verwaltungsratsmitglied.

33 Sitzungsprotokolle sind von ihm unterzeichnet. Nicht ein einziges Mal von 1901-1911 fehlt seine Unterschrift.

Aus dem Volks- und Hauskalender von 1908

Seit 1908 grüßt das Türmchen auf dem hohen Neubau die ehrwürdigen Türme der Basilika und des Schönenberges mit dem vergoldeten M - als besonderen Dank für die große Unterstützung durch Prinzessin Marie. Der „Volks- und Hauskalender“ 1908 beschrieb die bisherigen Anstrengungen wie folgt: „Am Ausgang der Stadt steht auf einer kleinen Anhöhe ein kleines Kapuzinerklösterlein. Nur 75 Jahre diente es armen Kapuzinern zum segensreichen Aufenthalt. 1802 ging es an den Staat über, der es 1830 der Amtskörperschaft Ellwangen unter Eigentumsvorbehalt zur Errichtung einer Kinderrettungsanstalt überließ. Nach 75 Jahren hätte sie geschlossen werden müssen, da der Zustand der Anstaltsräume, die schon 1830 als baufällig und wenig geeignet bezeichnet wurden, heute selbst für die bescheidensten Ansprüche ungenügend waren. Die Verwaltung musste sich zu einem Neubau entschließen, da die Kosten des Umbaus ebenso hoch geworden und bei einem späteren Aufhören nur dem Staat zu Gute gekommen wären. Bis jetzt sind nahezu 1100 Kinder in der Marienpflege erzogen und unterrichtet worden. Das Bedürfnis zur Erhaltung und Erweiterung ist seit dem neuen Fürsorgegesetz für verwahrloste Kinder noch dringender geworden. Der Neubau kommt auf eigenen Grund neben dem Kloster zu stehen, das auch fernerhin für die Zwecke der Marienpflege dienen soll. Der einfache, aber zweckmäßige Neubau kostet 180.000 Mark, von denen die Hälfte durch Schulden aufgebracht werden muss. Es ist die Hilfe aus dem ganzen Lande notwendig, weil auch die Kinder aus allen katholischen Landesteilen kommen“.