1830: Gründung der Marienpflege
Engagierte Bürger stehen am Anfang
Am 28. Juli 1828 fasste die Amtsversammlung Ellwangen den Beschluß, eine Kinderrettungsanstalt zu errichten, „wenn die erforderlichen Mittel im nächsten Etat freigemacht und geeignete Gebäulichkeiten zur Verfügung gestellt werden könnten.“
Für die Durchführung dieses Planes wurde Oberamtmann Viktor Sandberger (1769-1837) beauftragt. Er dachte zuerst an das Seminargebäude auf dem Schönenberg. Doch bald kam er von diesem Plan wieder ab „da die laufenden Kosten auf dem Schönenberg höher seien als unten in der Stadt. Ferner müsste das Waschwasser am steilsten Teil des Berges hinaufgetragen werden, was der Reinlichkeit der Kinder Abbruch tue. Auch sei es auf dem Schönenberg schwieriger, Personal zu gewinnen."
Am 1. März 1830 bat er König Wilhelm I. von Württemberg um die unentgeltliche Überlassung der Klostergebäude für eine Kinderrettungsanstalt. Am 7. Juni 1830 entsprach der König dieser Bitte: „Seine Königliche Hoheit hat dieser Bitte zu entsprechen geruht unter der Bedingung, dass im Falle der Auflösung der Anstalt, das Ganze dem Staat zurückgegeben werde.“
Sandberger arbeitete einen Statutenentwurf aus, der am 8. Juli 1830 von der Amtsversammlung genehmigt wurde. Die Statuten sehen vor, dass die Anstalt von einem „Verein von Menschenfreunden“ getragen wird. Aus seiner Mitte sollte ein Ausschuß von 19 Mitgliedern nach einem durch Los zu bestimmenden Turnus je zwei Mitglieder wöchentlich die Anstalt inspizieren. Diese Menschenfreunde wurden am 28. Januar 1831 durch einen Aufruf aus den achtbarsten Familien der Stadt geworben.
Neues Leben im alten Kloster
Viktor Sandberger mit Sohn Konrad, ca. 1836
Am 8. Juli 1831 wurde die Marienpflege mit 25 Knaben und 18 Mädchen eröffnet. Sie kamen aus dem Raum Ellwangen und den benachbarten Oberämtern Backnang, Gaildorf, Welsheim, Crailsheim, Gerabronn, Schwäbisch Hall. Die Einweihungsrede, die hand-schriftlich noch vorhanden ist, endete mit Jesu Worten: „Wer ein Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf“.

Lithographie der Marienpflege von 1832

Viktor Sandberger mit Sohn Konrad,
ca. 1836
1831: Landwirtschaft
Landwirtschaft hieß Überleben und Selbstversorgung
Viktor Sandberger fing an mit dem Kauf einer schwarzen und einer weißen Ziege sowie einiger Äcker. Die ehemalige Klosterkirche wurde als Scheune benützt. Wegen starker Verschuldung mußte bald wieder alles verkauft werden.
Erst in einem zweiten Anlauf gelang es dann, die Landwirtschaft endgültig aufzubauen. Sie diente der Versorgung der Kinder und der Erziehung zu Arbeit, Verantwortung und Fleiß.
Lange am Kloster, dann ausgesiedelt
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1948 auf dem Klostergelände ein eigener Bauernhof gebaut. Er wurde dann 1960-1962 auf den Hinteren Buchenberg ausgesiedelt und 1998 in einen erlebnispädagogischen Kinderbauernhof umgewandelt, in dem vorwiegend Reittherapie angeboten wurde.
175 Jahre Landwirtschaft in der Marienpflege
Dieser Hof wurde 2005 verkauft, die landwirtschaftlichen Flächen sind verpachtet und bewirtschaftet.
Das Heilpädagogische Reiten wurde mit vier Pferden beibehalten, da es sich in der therapeutischen Arbeit mit den Kindern sehr bewährt hat.

1931 - staatlich prämiert
1880: Zucht und Zuwendung
„Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Waisenhaus“
So drohten gelegentlich noch im 20. Jahrhundert Ellwanger Eltern ihren Kindern, wenn sie mit ihnen nicht mehr zurecht kamen. Daß es im 19. Jahrhundert ein schweres Schicksal bedeutete, Waisenkind zu sein, mögen folgende Berichte aus dem Jahre 1880 zeigen:
„Die Kinder trugen Anstaltskleidung. Das Schuhwerk war sehr rau. Jeden Werktagmorgen gab es Schwarzbrotsuppe, am Sonntag mit verdünnter Milch aufgekocht, nur an Hochfesten Kaffee mit Schneckennudeln. Zum Mittagessen gab es Kartoffeln oder Spätzle mit Gemüse. Dreimal wöchentlich einen Esslöffel mit zerschnittenem Fleisch, am Freitag bayerische Knödel. Das Abendessen bestand gewöhnlich aus schwarzer Brennsuppe, das Vesper aus einem Stück Schwarzbrot. Butter oder Marmelade gab es nicht.“
„Das Hauspersonal bestand außer dem Hausvater und seiner Frau aus einem Stallknecht, einem Tagelöhner, einer Nähterin, einer Küchen- und einer Stallmagd. Die ganze Familie aß täglich im allgemeinen Speisesaal.“
„Die Hausordnung war militärisch streng. Sogar die Handhabung des Waschlappens wurde schichtweise und turnmäßig kommandiert. Genußmitteldiebstahl oder Trotz gegen die Erzieher wurden mit Stockhieben oder Versperentziehung bestraft. Für Fluchtversuche gab es Dunkelarrest bei Wasser und Brot im Krankenzimmer.“
Es muß allerdings auch gesagt werden, dass die Hauseltern alles menschenmögliche taten, um Leid zu lindern:
„Anfang 1880 brach eine Diphterie-Epidemie aus. Da überließ die Hausmutter ihre eigenen Kinder dem Hausvater, um sich mehrere wochenlang zur Pflege der schwerkranken Waisenkinder isolieren zu lassen, auch auf die Gefahr hin, selbst Opfer der Krankheit zu werden. Damals starben vier Kinder, fünfzehn weitere waren sterbenskrank.“
"Ordensschwestern müssen kommen" - ein erster und mißglückter Versuch
Kaplan Eberhard erinnert im Verwaltungsrat im Jahr 1908 noch daran, dass die Frage, Ordensschwestern anzustellen, bereits ihre Vorgeschichte hat:
„Unter Hausvater Krieg (1866 - 1876) geriet die Marienpflege in schwerste Bedrängnis. Infolge Alters und Krankheit war er seiner schweren Aufgabe nicht mehr gewachsen. Die Kinderzahl war von nahezu 80 auf 37 zurückgegangen, weil die belegenden Oberämter Bedenken hatten, Kinder in die Anstalt zu bringen, die unter seiner Leitung einen sehr schlechten Ruf hatte. Wo immer in der Stadt Bubereien angestellt wurden, wurden die Waisenkinder verdächtigt. Auch die Mitarbeiter taten, was sie wollten. Anfang 1876 ist deshalb Hausvater Krieg an die Schulstelle in Deuchelried gegangen.“
Und dann zitiert er aus dem Verwaltungsratsprotokoll vom 22.02.1876 wie folgt: „Die gegenwärtige Vakatur soll dazu benützt werden, eine Reorganisation der Anstalt herbeizuführen, sei es, dass dieselbe der Verwaltung der Barmherzigen Schwestern übergeben, oder sie ganz in eine Privatanstalt verwandelt würde.“
Die Amtsversammlung Ellwangen beschließt am 19./20. Juni 1876 diese Reorganisation und überlässt es dem Verwaltungsrat, die Berufung der Barmherzigen Schwestern einzuleiten, vorausgesetzt, dass hiermit eine Kostenersparnis eintrete. Der künftige Hausvater hatte sich nach diesem Beschluss den Folgen der Reorganisation d.h. der Kündigung zu unterwerfen. Dieser Vertrag kam nie zustande, weil das in Aussicht genommene Mutterhaus in Reute wegen Schwesternmangels und wegen der geschilderten Missstände nicht auf das Angebot einging. Ferner auch, weil der Nachfolger Hausvater Drexler die Marienpflege binnen kurzem wieder zu neuer Blüte gebracht hatte.

Erstkommunion um 1900
1901: Ein Neubau
Viel Not - und noch mehr Mut und Entschlossenheit
Als Kaplan Eberhard 1901 in der Marienpflege zu wirken begann, war sie schon 70 Jahre alt. Diese Jahre sind etwa so zu umschreiben: Ein Hausvater war für die 50-80 verwaisten oder verwahrlosten Kinder verantwortlich. Diese lebten in einem ehemaligen Kapuzinerkloster, das König Wilhelm I. unentgeltlich für ein Waisenhaus zur Verfügung gestellt hatte (1830). Die Kinder trugen Anstaltskleidung, das Essen war einfach, die Schule streng, die Mitarbeit auf dem Bauernhof selbstverständlich, die Zucht und die Strafen hart, die Berufs- und Lebensperspektiven düster. Es fehlte immer an Personal. Vom Hausvater wurde Unmögliches verlangt: Er war Heimleiter, Lehrer und Bauer zugleich. Seine Frau nahm, -wie es einmal in den Akten heißt- „die 80 Waisenkinder zu sich in die Familie auf“. Die weiteren Angestellten sind schnell aufgezählt: Ein Stallknecht, ein Tagelöhner, eine Näherin, eine Küchenmagd, eine Stallmagd und hin und wieder ein Lehrergehilfe.
1902 stellte die Medizinalvisitation völlig unzureichende Verhältnisse in der Marienpflege fest. Bereits in der ersten Sitzung des Verwaltungsrats, bei der Kaplan Eberhard mitwirkte, kamen diese Verhältnisse zur Sprache. Die sanitären Einrichtungen seien unzumutbar, die Schulräume ungenügend, die Unterbringung der Kinder schlecht. Man beschloss, die alten Klosterräume gründlich zu sanieren. Zuvor jedoch sollten die Eigentumsverhältnisse des Anstaltsgebäudes geklärt werden. Die Regierung in Stuttgart lehnte jedoch nicht nur eine Schenkung, sondern auch den Verkauf des Klosters kategorisch ab. Unter diesen Umständen spielte der Verwaltungsrat mehrmals mit dem Gedanken, das Waisenhaus überhaupt aufzugeben, da eine Fortführung zum Wohl der Kinder nicht mehr zu verantworten sei. Schließlich fand sich ein Ausweg.
Man kaufte das benachbarte Grundstück und erstellte darauf in den Jahren 1907 und 1908 das heutige Hauptgebäude. Wenn man weiß, mit welchem „Gottvertrauen“ man da an Werk ging, kann einem heute noch ein wenig das Gruseln kommen. Der Bau kostete damals die schwindelerregende Summe von 16.500 Mark. Eigenmittel waren praktisch keine vorhanden. Trotzdem begnügte man sich nicht mit einer billigen Zwischenlösung, sondern strebte die damals als optimal angesehene Generallösung an. Finanziert wurde neue Gebäude durch ein Legat der Prinzessin Marie, einen Staatszuschuß, einer Lotterie und vielen Spenden. Das Gebäude wurde 1907/1908 im Jugendstil errichtet und bildet seitdem den dominierenden Abschluß der Marienstraße nach Süden.
Kaplan Eberhard hat alle diese schweren Entscheidungen mitverantwortet. Ich bin überzeugt, dass er die anderen Herren vom Verwaltungsrat immer wieder ermutigte, das großzügige Gebäude zu erstellen. Denn er erlebte die Not der Waisenkinder fast täglich aus nächster Nähe, da er als Religionslehrer alle Kinder persönlich kannte.

Der Marienpflege sollte 1902 ein weiteres Stockwerk aufgesetzt werden. Der Plan sah sogar vor, sie in ein Barockgebäude umzuwandeln! Er wurde nicht ausgeführt.
1908: Schwestern kommen
Am 4. Dezember 1908 wird das Hauptgebäude eingeweiht. Am selben Tag treten 8 Schwestern aus dem Mutterhaus von Sießen unter Leitung von Schwester Oberin Justina Gräter in den Dienst an den Kindern in der Marienpflege ein. Nun konnten die Kinder erstmals in kleineren Gruppen wohnen, die Schulklassen aufgeteilt und die Kinderzahl insgesamt erhöht werden.
Viele Kinder zogen aus dem alten Klostergebäude aus. Die freiwerdenden Räume wurden z.B. für die Kolpingsfamilie und einige Jahre für einen jüdischen Gebetsraum zur Verfügung gestellt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde in vaterländischer Gesinnung das neue Gebäude für ein Lazarett zur Verfügung gestellt. Die Kinder wurden in allen Winkeln des Klostergebäudes und in der Annapflege, in St. Gertrudis und in der Volksschule untergebracht.
1924: Hilfsschule
Gründung der ersten katholischen Hilfsschule in Württemberg
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde besonders das Schulwesen im Lande ausgebaut. Die Marienpflege erklärte sich am 9. Dezember 1924 bereit, die erste katholische Hilfsschule des Landes einzurichten. Diese Hilfsschule erwies sich für die Kinder als sehr segensreich, Geschwister mussten nicht mehr getrennt werden. Die Durchlässigkeit der beiden Schularten – Volksschule und Hilfsschule – war ohne weiteres gewährleistet. Allerdings musste dafür nun das ehemalige Kloster für diese Schule umgebaut werden. Denn 1931 umfasste die Hilfsschule schon 90 Kinder.
Das Kloster kann erworben werden - ein Glücksfall nach 99 Jahren
Das rasche Anwachsen der Hilfsschule ließ die Zahl der Kinder auf knapp 200 ansteigen. Deshalb musste das ehemalige Klostergebäude für die Hilfsschule vollständig umgebaut werden. Am 11. Februar 1929 richtete deshalb der Verwaltungsrat an die württembergische Staatsregierung die Eingabe, der Marienpflege das ehemalige Kloster für den Ausbau der Hilfsschule zu schenken. Am 24. April 1929 kam durch Intervention von Staatspräsident Eugen Bolz die erlösende Antwort, dass das Gebäude um 16 000 Goldmark zu erwerben sei. Am 25. Juli 1929 wurde der Vertrag abgeschlossen. Sofort wurde mit dem Umbau begonnen. Ebenfalls trat die Amtskörperschaft Ellwangen einen Großteil ihrer ausgeübten Rechte an den Verwaltungsrat der Marienpflege ab. Dieser stellte fest, „dass nunmehr die seit vielen Jahren katholische Anstalt auch statuarisch in eine Anstalt mit katholischem Charakter verwandelt wurde“.
Diese Eigentumsübertragung erwies sich deshalb als ein großer Glücksfall, weil sonst die Nationalsozialisten im Dritten Reich großen Einfluß auf die Marienpflege hätten nehmen können.
Veranlasst durch das baden-württembergische Stiftungsgesetz vom 4. Oktober 1977, wurde im Jahre 1980 anlässlich der 150-Jahrfeier die "Verkirchlichung" im Sinne der Rechtsaufsicht durch das bischöfliche Ordinariat vom Verwaltungsrat vollzogen.



1931: 100 Jahre Marienpflege
„Wir sind auch immer bestrebt, unsere Kinder sauber und nett zu kleiden, so dass ihr Anzug sie nicht als 'Anstaltskind' zeichnet.“
Anstaltsleiter und Pfarrer Matthäus Kolb gab - im Auftrag des Verwaltungsrates - die "Denkschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens der Marienpflege Ellwangen am 14. Oktober 1931" heraus.
Seit Gründung im Jahre 1831 wurden in der Marienpflege 5060 Kinder betreut, erzogen und unterrichtet. 190 Kinder lebten zu dieser Zeit hier, aufgeteilt in 8 Gruppen.
Mit 44 Seiten, viel erzählendem Text und vielen Schwarz-Weiß-Fotos (1931!) ist die Veröffentlichung sehr interessant. Sie beginnt mit Dank an Gott für seinen reichen Segen, Dank an die Wohltäter - und sie endet auch so.
Die Themenfelder:
- Werden der Anstalt
- Verwaltung und Rechtsverhältnisse
- Wirtschaftlich
- Pflege, Erziehung und Unterrichtung
- Erstellung eines Neubaus
- Während und nach der Kriegszeit
- Errichtung der Hilfsschule
- Erwerb, Ein- und Umbau des alten Anstaltsgebäudes
- Satzungsänderung
- Letzte Ausgestaltung
- Das Leben im Erziehungsheim
- Entlassung




Erziehung zu körperlicher Arbeit
"Auch die Anleitung zu körperlicher Arbeit darf nicht vernachlässigt werden; sie ist und bleibt das beste Heilmittel gegen alle ungeordneten Triebe. In unserem Erziehungsheim wird darum größter Wert gelegt auf körperliche, den Kräften des Kindes angemessene Betätigung. Es handelt sich hier nicht um große Arbeitsleistungen sondern um Erziehung zum Arbeiten. Viel leichter wäre oft für den Erzieher, die Arbeit selbst auszuführen und das Kind untätig stehen zu lassen, Erziehungsarbeit wäre aber damit nicht geleistet. Gelegenheit zu kleinen Beschäftigungen bieten jeder Gruppe ihre eigene Stube, ihre Schlafräume, Schulzimmer, den größeren Mädchen vor allem Küche, Haus und Garten, den Knaben unsere Aecker und Wiesen. Die Erziehung zur Arbeit, und auch zu landwirtschaftlichen Arbeiten, scheint uns bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen besonders wichtig und wertvoll zu ein. Das Kind soll doch im Erziehungsheim so weit gebracht werden, daß es später arbeiten kann und arbeiten will."
"Wir haben in unserem Erziehungsheim Kinder, und wo Kinder sind, da muß Freude sein. Sie ist ein wertvolles Erziehungsmittel, ein Sonnenlicht, das Leben weckt. Freude fördert den Geist, weckt Mut und Selbstvertrauen, und darum ist ein Erzieher, sofern es ihm um Erfolge zu tun ist, bei einer Tätigkeit auf die Freude als Bundesgenossen angewiesen, die Kinder kommen später ins Leben hinaus und sie werden noch hart von demselben angefaßt; dann sollen sie ich doch einmal in ihrem Leben gefreut haben, in den Tagen ihrer Kindheit. Armer Mensch, der sich in einer Jugendzeit nicht freuen durfte! Darum hat die Freude in unserem Hause Heimatrecht und sie soll es behalten!"
"Unsere Kinder singen, und der Anstaltsleiter, Lehrer und Erzieher singen mit. Unsere Kinder spielen und hüpfen, die Erzieher lehren sie das und freuen sich daran."
"Die Mädchen tanzen und das Mundharmonika- Orchester spielt dazu. Unsere Buben dürfen Buben sein, freilich darf auch das "Halt" zur rechten Zeit nicht fehlen. Unsere Kinder dürfen sich nach Herzenslust tummeln auf dem Spielplatz, dürfen an freien Tagen hinaus, Sonne essen und Waldluft holen."
"Beim Kinderfest der Stadt sind wir dabei, spielen unsere Rolle und kommen nicht zu kurz! Wenn sonst für Kinder was los ist in der Stadt, fehlen wir selten. Wenn wir beim Ausflug durch die Straßen fahren, öffnen ich die Fenster. Für den Viehmarkt haben unsere Kinder Interesse, der Roßmarkt gefällt ihnen noch besser. An Regentagen und Sonntagabenden sitzen wir bei Lichtbildern und Radio, und bevölkern Turnsaal, Halle und Kegelbahn. Wir spielen Theater und die Stadtleute kommen zu Hauf. Uns besucht St. Nikolaus und der Osterhase legt ein. Am Tag der Schwester Oberin, Küchla viel zum Essa bring! Am Herrn Kaplan seim Namenstag, ma bloß noch Küchle essa mag! Sie hören gerne Kasperlein, an der Fastnacht wolln sie's selber ein. An solchen Tagen entdeckt das Lehrerauge Talente, die es in der Schule nie geschaut!"
1933: Im Dritten Reich
Im Jahre 1932 wurde Pfarrer Renz Direktor der Marienpflege. Auf ihn kam die schwere Aufgabe zu, die Einrichtung sicher durch das Dritte Reich zu führen.
Zielstrebig ging er daran, die Zahl der Kinder auf 280 aufzustocken. Dazu gründete er Außenstellen in St. Ludwig, Schwäbisch Gmünd, in Matzenbach und Unterdeufstetten.
Bedrohlich war der Versuch von Kreisleiter Kölle, die Kinder dem nationalsozialistischen Einfluß auszusetzen und sie in die Hitlerjugend einzugliedern. Renz gelang es, eine eigene HJ-Abteilung im Heim als verkappte katholische Jugendgruppe zu führen. Als schon 1934 das Sterilisationsgesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses auch in der Marienpflege durchgeführt werden sollte, konnte sich die Einrichtung auch hier der Mitwirkung widersetzen. Am bedrohlichsten war der Versuch des Reichsinnenministeriums zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939, auch Kinder in der Marienpflege für die Vergasung zu selektieren. Durch seine Klugheit und Standhaftigkeit, in Verbindung mit der Bereitschaft, auch KZ-Haft auf sich zu nehmen, gelang es Renz, in Verhandlungen mit dem hierfür zuständigen Arzt Dr. Mauthe alle bedrohten Kinder zu retten.
Zu Kriegsbeginn wurde das Hauptgebäude als Lazarett beschlagnahmt, was sich bald als Segen erwies, da nun eine Aufhebung der Stiftung durch die NSDAP nicht mehr zu befürchten war.
Als im November 1940 die SS das Missionsseminar St. Josef beschlagnahmte, wurden die liturgischen Geräte in der Marienpflege sichergestellt, so dass nun erstmals eine Hauskapelle eingerichtet werden konnte.
Das Kriegsende verlief für die Marienpflege ohne Schaden, da die SS-Truppen sich kampflos am 22. April 1945 aus der Stadt zurückzogen. Die Amerikaner konnten am folgenden Morgen in Ellwangen kampflos einrücken, obwohl sie beabsichtigt hatten, die Stadt zu bombardieren, weil die SS sie in den vorausgegangenen Tagen nicht ohne Widerstand aufgeben wollte. Kaplan Renz hatte am Ostermontag mit seinen Jugendgruppen eine Novene zur Muttergottes auf dem Schönenberg angeregt. Zum Schluß der Novene waren einige Tausend Bürger beim Gnadenbild. Die gläubige Bevölkerung hat Maria das Wunder der Rettung der Stadt zugeschrieben.

Das Hauptgebäude mit Hakenkreuzfahne

Südseite des Hauptgebäudes

1945: Nachkriegszeit
Unvorstellbare Not
Die Not war unbeschreiblich. Um den vielen Kriegswaisen und Flüchtlingskindern notdürftig eine Bleibe zu geben, gab es in der Marienpflege bald keinen freien Winkel mehr. Die Zahl der Kinder stieg in der Nachkriegszeit sprunghaft an, aber auch der Hunger und die Krankheiten. 320 Kinder waren schließlich in den beiden Hauptgebäuden zusammengepfercht. Damals haben die Schwestern Unsagbares geleistet. Daneben musste die zehnklassige Schule und das gesamte Personal in den gleichen Gebäuden Platz finden. Dazu baten jeden Abend viele durchziehende Flüchtlinge um unentgeltliches Essen und Nachtquartier. Rund 1500 Flüchtlingen wurde in der Nachkriegszeit jährlich geholfen.
Nach der Währungsreform 1948 nahm die aktuelle Not langsam ab. Nun wurde der Bauernhof, der bislang in der Klosterkirche des ehemaligen Kapuzinerklosters untergebracht war, ausgesiedelt und an seiner Stelle Gruppenzimmer und Schlafsäle für die Kinder geschaffen. Auch entstanden neue Spielplätze und das Heim wurde insgesamt wohnlicher gestaltet.
Schwester Antonia war 27 Jahre lang eine unermüdlich treu besorgte Hausmutter, gerecht, aufgeschlossen, fröhlich, humorvoll. Ihr und den Schwestern ist es zu danken, dass die Kinder trotz schwerster Zeit eine gute Heimat gefunden haben.
Dass die Marienpflege auch schön war und die Kinder auch schöne Kleider hatten, dass ihnen gute Kost gegeben wurde, das war ihr ein großes Anliegen. Ihr gebührt, wie es einmal in den Akten heißt, der schönste Ehrenplatz entsprechend ihrem Leitspruch: „In der Nachfolge Jesu die Kinder lieben und ihnen helfen.“
Die aufblühenden 50-iger Jahre
Die Währungsreform wirkte Wunder. 1953 konnte sogar schon ein kleines Schwimmbad in der Marienpflege gebaut werden.
1954 kam Sr. Clementia für fünf Jahre in die Marienpflege. Direktor Erich Sommer wollte, wie er sagte, 300 Kindern Vater sein, sie nicht bloß für´s Erwerbsleben tüchtig machen, sondern ganzheitlich alles Gute in ihnen fördern. Unter seiner Initiative wurden die Gruppen weiter verkleinert und familiär ausgestaltet. Dabei stand ihm die Oberin mit den Schwestern treu zur Seite.
Unter den damals rund 300 Kindern waren nur noch 16 Vollwaisen. Das machte die erzieherische Aufgabe nicht leichter, wie man meinen könnte, sondern eher schwerer, da Sozialwaisen emotional oft sehr darunter leiden, sich verlassen, unerwünscht und minderwertig zu fühlen, weil sie von ihren noch lebenden Müttern oder Vätern „im Stich gelassen wurden.“

1954: Knabenkapelle
„Erziehung durch Schönheit ist Erziehung zum Gewissen“
Dieses Wort von Bernhard Häring auf einer internen Fortbildung der Marienpflege hat Sr. Clementia, der vor allem Sr. Bertina zur Seite stand, im Einvernehmen mit Direktor Sommer ermutigt, die Gruppenzimmer zu Wohnstuben auszugestalten, die Schlafsäle aufzuteilen und das Heim für Kinder mit Blumen, Bildern und möglichst verschiedenartigen Haustieren noch anregender zu gestalten.
Es entstanden auch neue Angebote: Ballett, Chor, Theatergruppen, Tanzen und sportliche Aktivitäten. Dazu die vielen Feste im Heim und in der Stadt, die Zeltlager und die Fahrten.
1954 wurde die weit bekannte Knabenkapelle im Benehmen mit Bürgermeister Rothmaier gegründet, die eine eminent heilpädagogische Bedeutung für das Selbstwertgefühl der jungen Musikanten hatte und das Waisenhaus weit in die Welt geöffnet hat. Schon 1958 startete die erste Auslandstournee nach Dijon in Burgund. Das größte Fest aber war 1956 die 125-Jahr Feier der Marienpflege unter großer Beteiligung der ganzen Stadt. Sie hat jahrzehntelang die Stadt Ellwangen nicht nur zuhause, sondern auch in Frankreich, Italien, England, Amerika, Skandinavien vertreten und dem Kinderdorf viele Freunde gewonnen.
Die Knabenkapelle wird 60!
Was hat die Knabenkapelle der Marienpflege seit 1954 nicht an Freude, an Erlebnissen und an heilpädagogischer Hilfe geschenkt! Wie oft hat sie das Kinderdorf und auch die Stadt fröhlich vertreten! Wie sehr hat sie dem Kinderdorf im Freundeskreis geholfen, neue Freunde zu gewinnen! Was hat sie nicht für die Integration der Marienpflege in der Stadt geleistet!
Im Jahr 1972 ist sie als „Jugendblasorchester“ für die Jungen und Mädchen der Stadt geöffnet worden und bald darauf in die städt. Trägerschaft übergegangen.
Das Jubiläumskonzert zum 50jährigen Jubiläum des Jugendblasorchesters Ellwangen am 14. Mai 2004 war eine Uraufführung unter Leitung von Werner Emmenecker: Die Komposition stammt von Steven Reineke, mittlerweile Dirigent in New York und Chicago. Die Idee entstand nach dem von Ulrike Schweikert geschriebenen Roman aus der Zeit der Ellwanger Hexenverfolgung „Die Hexe und die Heilige“. Die Kontakte zu Herrn Reineke kamen bei einer der Amerikareise 2003 zustande. Herr Emmenecker beendete seine Tätigkeit mit dem Jugendblasorchester nach über 30 Jahren im Oktober 2004.
Seither wird das städtische Jugendblasorchester von Dirigent Wendelin Dauser geleitet.
Am 17. Mai 2014 fand in der Stadthalle das Frühjahrskonzert stattfinden.
Auf dem Programm stand eine Auftragskomposition der Stadt Ellwangen für die 1250-Jahr-Feier. Der Komponist Thiemo Krass nennt sein Werk „Crossbreed", was in der Biologie eine „Kreuzung" verschiedener Dinge bedeutet. Darin steckt einerseits der Begriff „Kreuz" – ein sehr wesentliches Symbol für die Stadt Ellwangen – andererseits auch ein wunderbarer Nährboden für die unterschiedlichsten Bereiche, die Ellwangen in seiner Geschichte und Gegenwart zu einer Atmosphäre verhalfen, die die Stadt auszeichnet und zu etwas Besonderem macht.
Das zweite Hauptwerk des Abends war die Komposition „Die Hexe und die Heilige", die bereits zum 50jährigen Jubiläum unter Leitung von Herrn Emmenecker 2004 uraufgeführt wurde.

Älteste bekannte Aufnahme der Knabenkapelle

... in ihren schönen Burgunderuniformen am Fuss des Ellwanger Schönenbergs, spätere Aufnahme

Beim Festumzug in
Ellwangen
1959: Vision vom Kinderdorf
Eine neue Ära beginnt: Sr. Ingoberga und Erwin Knam kommen
Zugleich mit Schwester Ingoberga kam 1959 als geistlicher Direktor Erwin Knam in die Marienpflege. Schon in seinen ersten Wochen war in ihm der Gedanke aufgeblüht, der ihn rund 45 Jahre nicht mehr losgelassen hat: „Aus dem Waisenhaus muss ein Kinderdorf werden.“ Zwar wurde die Marienpflege weit und breit als das schönste Heim gerühmt, aber es war halt ein Heim in drei großen Gebäuden, ohne familienähnliche Wohnungen mit eigener Haustüre und Gärtchen. Zwar hatten die Kinder in den Schwestern bisher immer konstante, qualifizierte und zutiefst motivierte Bezugspersonen gehabt, doch konnte eine einzige Schwester die Sehnsucht von 30 und mehr Kindern in ihrer übergroßen Gruppe erfüllen?
Immer wenn er von seiner Heimat über den Bodensee hinüberschaute ins Appenzeller Land, wurde er daran erinnert, dass dort nach dem Krieg das erste Kinderdorf der Welt für verlassene Kinder entstanden war. Wie wäre das schön, wenn auch die Marienpflege ein Kinderdorf mit kleinen Familiengruppen in einem dörflichen Lebens- und Lernfeld inmitten der Stadt werden könnte? Mitarbeiter, Schwestern, Verwaltungsrat und Kinder nahmen begeistert diese Idee auf und halfen auf jede ihnen mögliche Weise mit, sie zu verwirklichen. Besonders die Schwestern lebten in der Vorfreude, in einem Kinderdorf den Kindern noch besser Annahme und Beziehung, Fördern und Fordern, Heilen und Rückhalt geben zu können, denn die intakte Familie ist doch das idealste Vorbild nach Gottes Schöpfungsordnung auch für die Heimerziehung.
Schwestern und Kinder planten zusammen mit den Architekten Rothmaier & Tröster die ersten Entwürfe und brachten ihre Sehnsucht und Träume in die Realisierung des Kinderdorfs mit ein. Der Verwaltungsrat gab sofort grünes Licht.
Und die Finanzierung? Eigenkapital war keines vorhanden, nur Schulden. Die öffentlichen Zuschüsse waren gering, dafür das Vertrauen auf Gott und gute Menschen umso größer. So wurde schon 1960 ein Freundeskreis gegründet. Durch Hunderte von Predigten und Kinderdorffesten in vielen Gemeinden, in denen die Kinder Theater spielten und die Knabenkapelle Konzerte gab, konnten mehr als 5000 Freunde gewonnen werden, die seitdem oft ihr ganzes Leben lang das Kinderdorf ermutigt und getragen haben. Wunder der Liebe und der Solidarität haben unsere Wohltäter in 30 Jahren den Kindern mit rund 50 Millionen DM geschenkt.
Um einen Bauplatz für das Kinderdorf auf dem Gelände der Marienpflege zu haben, musste zuerst der Bauernhof ausgesiedelt werden.
1962: Leben im Kinderdorf
Von 1962 bis 1964 wurden dann als I. Bauabschnitt sieben Häuser gebaut. Der internationale Bauorden, die Kinder, die Schwestern und Mitarbeiter halfen mit Tausenden freiwilliger Arbeitsstunden mit.
1964 weihte Bischof Leiprecht anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Stadt Ellwangen das erste Kinderdorf der Diözese in katholischer Trägerschaft ein und erbat für die im Kinderdorf lebenden Familien „Freude, Friede und Liebe aus dem Quell des Dreifaltigen Gottes“.
Jugendbewegtes Leben im Kinderdorf
Rasch haben die Kinder ihr „Häuschen“ erobert und fühlten sich in ihren neuen Wohnungen daheim. Dort, wo sich vor kurzem noch Baufahrzeuge durch tiefen Schmutz wühlten, entstanden Spielplätze, Wiesen und Wege, „denn für Kinder ist das Spielen oft notwendiger als das Essen.“
Das Freibad wurde vergrößert. Die großen Kinder bekamen Fahrräder, um in der freien Zeit ihre schöne Ostalb leichter erobern zu können. In den Sommerferien ging´s auf große Fahrt an den Bodensee oder hinauf auf höchste Gipfel im Bregenzer Wald. Hohe Touren über mehrere Gipfel begannen oft schon vor dem Sonnenaufgang. Heimgekehrt sind die jungen Bergsteiger erst, nachdem die Sonne wieder untergegangen war. Die Kinder wurden nicht verwöhnt, es war ein spartanisches, aber glückliches Leben. Wieder daheim dann die Feste im Kinderdorfhaus, im Dorf, in der Stadt.
Auch das Mithelfen auf dem Bau mit Presslufthammer und Schubkarren zusammen mit den internationalen Baugesellen. Die Mitarbeiter gingen oft auf Fahrt, nach Rom, ins Engadin, bestiegen über dem Vierwaldstättersee den Uri-Rotstock. Sie fuhren auch nach Lourdes oder nach Rouen in der Normandie. Immer auf dem Weg nach innen und nach außen.
1962 kamen auch Sozialhelferinnen ins Kinderdorf. Es waren junge Frauen, die ein Jahr ihres Lebens für ein Taschengeld mit den Kindern, den Schwestern und anderen Mitarbeitern in der Marienpflege wirkten.
Mit Wehmut verließ Schwester Ingoberga 1965 das Kinderdorf. Sie hat zusammen mit ihren Schwestern alle Mühen freudig und verantwortlich getragen. Mitarbeiter und Kinder waren traurig. Bischof Leiprecht hat bei der Einweihung das Wort Jesu von den vielen Wohnungen erwähnt, die Jesus uns im Himmel bereiten wird, damit auch wir dort sind, wo er ist. Möge sie nun im ewigen „Kinderdorf“ im Frieden Gottes leben.

Erwin Knam am Presslufthammer
Er baute wirklich "sein" Kinderdorf
1965: Gesamtkonzeption
Das Kinderdorf - ein Ort zum Leben und Lernen
Dieses Leben in Haus, Dorf, Stadt und weit darüber hinaus kann hier in wenigen Zeilen nicht geschildert werden. Ihr innerster Kreis ist die familiäre Kindergruppe mit konstanten Beziehungspersonen, dann das Dorf mit seiner Schule den Angeboten zum Spielen, Arbeiten, Werken, Musizieren, Festen, Sporttreiben, Theaterspielen, Ballett, Reiten, Rad- und Kanufahren, Bergsteigen, Schifahren, Festen und Feiern, die heilpädagogischen und therapeutischen Hilfen, die Schullandheimaufenthalte, Tourneen der Knabenkapelle in Deutschland und ins Ausland.
Letztlich dient dieses Fördern und Fordern dazu, das Selbstwertgefühl der jungen Menschen zu stärken und sie zu befähigen, selbständig und liebesfähig verantwortlich zu handeln. Kein Wunder, dass Ehemalige oft erzählen, dass die Marienpflege die wichtigste Zeit ihres jungen Lebens war. Ja, das Kinderdorf wollte „eine Heimstätte des Glückes“ sein (Mutter Teresa). Ist es nicht zum dankbaren Staunen, dass auf diesen zahllosen abenteuerlichen Fahrten und Begegnungen nie ein nennenswerter Unfall vorgekommen ist, auch nicht, als Schulklassen mehrmals in eine Lawine geraten sind oder unser Schulbus im Gebirge umgestürzt ist?
Qualifizierte, motiverte, engagierte Mitarbeiter machen es möglich
Die Dienstgemeinschaft bestand aus rund 30-40 Schwestern und etwa dreimal so vielen Laienmitarbeitern. Neben den regelmäßigen internen und externen, pädagogischen, psychologischen und religiösen Bildungsangeboten wurden viele Feste, Feiern, Comboni-Seminare, Workshops und Studienfahrten durch halb Europa durchgeführt, so dass eine tragende Gemeinschaft aus Schwestern und Laien verwirklicht wurde.


1969: Hugo-Häring-Preis
Das Kinderdorf erhält den Hugo-Häring-Architektenpreis:
"Ende Juni erhielt ich ein Telegramm aus Stuttgart: "...die jury hat beschlossen, dem Kinderdorf ellwangen den hugo-häring-preis zu verleihen ... stop"
War das eine Überraschung! Am 27. Juni 1969 wurde dann den Architekten Rothmaier und Tröster und mir der Preis - eine moderne Plastik von H. O. Hajek - im weißen Saal des Neuen Schlosses von Stuttgart verliehen.
Hugo Häring, nach dem der Preis benannt ist, war ein Architekt aus Stuttgart, der das Bauen unserer Zeit nachhaltig beeinflußt hat. In zahlreichen Veröffentlichungen hat er die Überzeugung ausgesprochen, daß die Lösung des Problems im Problem selbst enthalten sei und daß deshalb nicht die Formgebung, sondern die Formfindung die Aufgabe eines Architekten sei. Diese Formfindung sei als geistige Auseinandersetzung nicht mehr Sache eines einzelnen noch so genialen Architekten, sondern Teamarbeit zwischen Bauherrn und Architekten. Beide würden ein hohes Maß an Verantwortung der menschlichen Gesellschaft gegenüber übernehmen, da sie durch ihr persönliches Engagement die moderne Umwelt gestalten.
Dies waren einige Gedanken der Festrede bei der Verlehung des Preises.
Zur Förderung dieser Gedanken wurde der Preis gestiftet und heuer zum ersten Male verliehen. Zum Wettbewerb konnten alle Bauwerke eingereicht werden, die in Baden-Württemberg seit Kriegsende errichtet wurden. Dazu gehört die Planung der Universität Ulm, der Neue Schloßplatz in Stuttgart und - unser Kinderdorf.
Für unser Kinderdorf wurde der Preis so begründet: "Die von der Bauherrschaft angestrebte Integration des Kinderdorfes in die vorgegebene Ortsgemeinschaft Ellwangen und die Möglichkeit zur Kommunikation im sozialen Bereich ist besonders hervorzuheben. Diese Grundkonzeption wurde von den Architekten mit bescheidenen gestalterischen und konstruktiven Mitteln und adäquaten räumlichen Auflockerungen im Einklang zur Aufgabe ins Bauliche übersetzt."
Mit der Verleihung dieses Preises wurde Teamarbeit zwischen den Architekten und der Bauherrschaft, deren Verwaltungsrat von einem aufgeschlossenen und lebensfrohen Bauausschuß unterstützt wurde, ausgezeichnet. Nur dieser Teamarbeit ware es zu verdanken, daß den Architekten eine klare pädagogische Konzeption vorlag, die sie dann in Beton, Holz und Glas gestaltet haben.
1987: Das meiste ist gebaut
Das Kinderdorf wächst weiter
Von 1965 bis 1987 entstanden neun weitere Kinderdorfhäuser, das Heilpädagogische Zentrum mit Sportstätten, Personalwohnungen, Neubauten für Schule, Verwaltung und Wirtschaftsbetriebe, ferner die Berghütte Schlössle und das Haus Sonnenberg in den Alpen, sowie der Sportplatz im Goldrain und der Silbersee bei Neuler.
Die Bauabschnitte (BA) seit 1962, jeweils mit dem Datum der Fertigstellung:
1962 Aussiedlung des Bauernhofes auf den Hinteren Buchenberg
1964 BA I 7 Kinderdorfhäuser
1968 BA II 7 Kinderdorfhäuser
1968 BA III Erweiterung der Heizanlage, Sportgelände Goldrain
1970 Personalwohngebäude mit 10 Wohnungen
1974 BA IV 2 Kinderdorfhäuser und
Heilpädagogisches Zentrum mit Kleinschwimmhalle, Turnhalle,
Beratungsstelle, Schulkindergarten
Auch die Außenanlagen wurden in dieser Zeit gestaltet:
Kleinsportfeld, Dorfplatz, Wassersandplatz, Spielmulde.
1976 Ferienhaus Sonnenberg in Schröcken/Vorarlberg
1980 bis 1987 entstanden im BA V:
- Schulneubau
- Sanierung des ehemaligen Hauptgebäudes (von 1908) als Fachklassengebäude
- Personal- und Verwaltungsgebäude
- Wirtschaftsbereich mit Großküche, Waschküche, Zentrallager, Kühlräumen, Heizanlage mit Blockheizkraftwerk, Tiefgarage, Schulhof und Sportplatz,
- Neues Wegesystem in der Einrichtung und neue Anbindung an die Stadt.
24.125.000 DM sind allein im fünften Bauabschnitt verbaut worden! Es war wahrlich ein großer Wurf, der das "Kinderdorfensemble" abrundete.
Die Finanzierung war teilweise so schwierig, dass Erwin Knam mehrmals versucht war aufzugeben, doch Schwester Severa hat ihn immer wieder zum Durchhalten ermutigt, an unseren Freundeskreis erinnert und an den Satz der Jahrhundertfeier 1931: „Das Vermögen der Marienpflege besteht in seinem Vertrauen auf Gott und auf gute Menschen.“


Luftbild vom Kinderdorf 1980
1992: Das Kloster ist gerichtet
Klosterrenovierung - Künstlerpfarrer Sieger Köder gestaltet die Franziskuskapelle
Im Advent 1992 konnten wir nach dreijähriger Bauzeit die Wiederherstellung des ehemaligen Kapuzinerklosters vollenden. Wegen Baufälligkeit war es seit Jahren nahezu leer gestanden, Decken waren herunter gebrochen, Außenwände am Einstürzen. Wie Bruder Franz im Jahre 1205 spürten auch wir: „Geh stell meine Kirche wieder her, siehst du nicht wie sie zerfällt?“
In einem VI. Bauabschnitt haben wir das Kloster zur geistlichen und geistigen Mitte des Kinderdorfes gemacht. Eine dreifache Freude wurde uns zuteil:
Weihbischof Kreidler weihte die Franziskuskapelle, von Sieger Köder künstlerisch gestaltet, als geistliche Mitte des Kinderdorfes ein. Die beiden Glöckchen trugen erstmals unseren Jubel hinaus ins Dorf und in die Stadt. Das erste ist unsere Christusglocke. Sie trägt die Inschrift „Lasst die Kinder zu mir kommen“, das zweite ruft als Franziskusglocke den Segensgruß „Friede und Heil“ hinaus ins Land. Wir freuen uns auch über den Kreuzgang mit dem wieder entdeckten tiefen Brunnen der Kapuziner.
Überaus glücklich sind die Schwestern, dass sie seit ihrem Kommen 1908 endlich im ehemaligen Kloster ihr klösterliches Leben führen und in dieser Oase Gnade, Erholung und Freude für ihren geistlichen Dienst an den Kindern tanken können.
Sehr froh ist die ganze Kinderdorfgemeinschaft, dass im ehemaligen Kirchenschiff ein Festsaal entstanden ist, sowie Konferenzräume und ein Archiv. Damit ist das ehemalige Kloster ein wertvolles Kleinod für das Kinderdorf und für die Stadt geworden. Mit seiner Einweihung wurde der 30jährige Weg vom Waisenhaus zum Kinderdorf vollendet und ein Baudenkmal von besonderem Rang vor dem weiteren Zerfall bewahrt.
1993 feierten 150 Sießener Schwestern ihr „Klosterfest“ im Gedenken an das Mattenkapitel von Bruder Franz in Portiuncula, auf dem er seine Minderbrüder in die ganze Welt geschickt hat, Frieden und Heil zu bringen, so auch unsere Franziskusschwestern.
Dunkle Gewitterwolken über dem Kinderdorf
Infolge der staatlichen Deckelung der Pflegesätze in den Jahren 1993 bis 1997 kam die Marienpflege in große finanzielle Not. Diese Deckelung bedeutete eine Bestrafung der Heime, die wie die Marienpflege bisher sehr sparsam gewirtschaftet und über den Freundeskreis großes, persönliches Engagement bewiesen hatten, denn nun wurde der Pflegesatz auf der niedrigsten Stufe eingefroren. Erst ein Gespräch im Familienministerium in Bonn führte zu einem guten Ergebnis.
Schwester Ingunde hatte seit 1972 die Reittherapie aufgebaut, denn sie schätzte den Umgang mit Pferden als Therapie hoch ein. Besonders die Mädchen fanden durch die Freundschaft mit Pferden eine wertvolle Selbstbestätigung.
Der bestehende Bauernhof wurde mit großer Eigenleistung umgebaut und konnte 1999 eingeweiht werden. Für die Erlebnispädagogik wurde in Eigenleistung auf dem Hof auch eine Kletterwand errichtet.
Mit dem Verkauf des Hofes im Jahr 2005 wurden die Therapiepferde in einen guten Hof in Hummelsweiler eingestellt, das heilpädagogisch-therapeutische Reiten wird mit hohem Erfolg fortgesetzt.

Der "Sonnengesang" von Sieger Köder
Gründung der "Stiftung Präventive Jugendhilfe"
Dank der großartigen Unterstützung durch S.K.H. Carl Herzog von Württemberg, Prof. Dr. Walter Jäger und Wolfgang Riehle konnte am 06.10.1992 die "Stiftung Präventive Jugendhilfe” gegründet werden.
Beteiligt an dieser Initiative sind zwei alte "Rettungs-häuser", die evangelische Sophienpflege in Tübingen und die katholische Marienpflege in Ellwangen. Beide Jugendhilfe-einrichtungen tragen die Namen der beiden Töchter König Wilhelms I. von Württemberg - Sophie und Marie.
S.K.H. Carl Herzog von Württemberg hat ab der Gründung die Schirmherrschaft übernommen und im Jahr 2005 seiner Schwiegertochter, I.K.H. Herzogin Marie von Württemberg weitergegeben. Sie ist uns auch durch ihre Namensgleichheit mit unserer hohen Protektorin vor 180 Jahren besonders verbunden.
Zweck der Stiftung:
"Auf sozialwissenschaftlicher Basis Erkenntnisse über die Lebenslagen junger Menschen, insbesondere gefährdeter Kinder und Jugendlicher zu sammeln, zu erweitern, zu verbreiten und darauf aufbauend gemeinwesenorientierte, lebensfeldbezogene Jugendhilfeangebote zu fördern." (Auszug aus der Stiftungssatzung)
Evangelische und Katholische Kirche und angesehene Bürger und Unternehmer, vor allem aus dem Tübinger und Reutlinger Raum, sowie gemeinnützige Institutionen unterstützen die Stiftung.
2000: Stabswechsel
Martin Schwer wird neuer geistlicher Direktor
Im Jahr 2000 ging nach 41 Jahren Direktor Knam mit 74 Jahren in den Ruhestand. Schwester Ingunde fiel die wichtige Aufgabe zu, Pfarrer Schwer in seine ihm bisher unbekannte Verantwortung für eine große Jugendhilfeeinrichtung einzuführen und ihn beratend zu begleiten.
Er trat ein schweres Erbe an: Ein Jugendhilfezentrum, das jahrzehntelang in Entwickung stand und enorm mit dem Namen und Engagement seines Vorjängers verbunden war. Eine Marienpflege, die sich konzeptionell weiterentwickeln musste und zugleich unter öffentlichem Druck stand. Vor allem aus finanziellen Gründen wurden bundesweit Teilbereiche von den Jugendämtern immer weniger belegt, so die Tagesgruppen und die stationären Angebote. Auch der Aufsichtsrat war in dieser Zeit besonders gefordert, zumal 2005 Pfarrer Patriz Hauser, der langjährige Vorsitzende, verstarb.
Es folgten schwere Schritte des Abbaus, betriebsbedingter Kündigungen, Verkäufe von Immobilien. Der Sanierungskurs war äußerst schwer, aber für die Konsolidierung und Zukunftssicherung unabdingbar.

2001: Erwin Knam wird 75
Ein großes Fest mit besonderen Geschenken
Zum Dank an sein großartiges Wirken in den fast 41 Jahren als Direktor und Kinderdorfvater wurde im Kinderdorf zum 75sten Geburtstag von Erwin Knam ein großes Fest gefeiert.
Seit über 60 Jahren liebe ich den Bregenzerwald und habe dort schon mit Tausenden von Kindern die Ferien verbracht. Deshalb hat mir der Aufsichtsrat des Kinderdorfes zu meinem 75. Geburtstag am 28. Juni 2001 das Bild geschenkt, das Sieger Köder für mich gemalt hat: »Der gute Hirte im Hochgebirge des Bregenzerwaldes«.
Erwin-Knam-Platz
"Doch noch nicht genug mit den Geburtstagsüberraschungen. Als es langsam Abend wurde, hat Direktor Martin Schwer den großen Dorfplatz in der Mitte des Kinderdorfes nach meinem Namen benannt und mich zum »Ehrenbürger des Kinderdorfes« gemacht. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Immer habe ich mit dem HI. Franziskus alles Gute, das ich in meinem Leben als Gnade empfangen habe, vor allem als Aufruf verstanden, es weiter zu geben. Franziskus nennt es »reddere«. So ist die Liebe, die mir meine Eltern inmitten einer kinderreichen Familie geschenkt haben, gleichsam im Kinderdorf für Kinder in Not aufgeblüht. Das war das schöne Spiel meines Lebens, das mich heute aus ganzem Herzen mit Dank und Freunde erfüllt, Gott gegenüber und vielen ungezählten Menschen, durch die ich Gottes Gnade in Fülle erfahren habe."

Der gute Hirte - Sieger Köder

2005: neuer Direktor kommt
Ende 2005 verließ Pfarrer Martin Schwer die Marienpflege, um sich wieder der Seelsorge zu zuwenden.
Es folgte Ralf Klein-Jung, Diplompädagoge und Diplomtheologe, seit 1990 in der caritativ-sozialen Arbeit der Diözese tätig: Zunächst beim Caritasverband für Württemberg als Behindertenreferent, dann als Heimleiter und später Geschäftsführer der Heggbacher Einrichtungen, ab 2000 als einer von zwei Vorständen mitverantwortlich für den Aufbau der St. Elisabeth-Stiftung des Klosters Reute in Bad Waldsee

2009: Erwin Knam 50Jahre
Erwin Knam - ein Leben für das Kinderdorf
Erwin Knam, von 1959 bis 2000 Direktor des Kinder- und Jugenddorfes Marienpflege in Ellwangen, hat in 41 Jahren zielstrebig und modellhaft die Marienpflege vom Waisenhaus zu einem modernen Kinder- und Jugenddorf entwickelt.
Tausenden von Kindern und Jugendlichen war er ein Wegbegleiter und Vater – er baute nicht nur Häuser, sondern baute ihnen einen Weg in ein selbstbewusstes und selbständiges Leben. Liebende Wertschätzung der Kinder und Jugendlichen war ein Markenzeichen des „kinderreichsten Pfarrers der Diözese“, wie Erwin Knam sich selbst oft scherzhaft bezeichnete.
Sein „Lieblingskind“ war der Freundeskreis der Marienpflege, der seit 1960 auf inzwischen 6500 Freunde und Förderer anwuchs. Nur so war der Bau von 16 Gruppenhäusern ab 1962 möglich. Als er 1959 kam, entsetzten ihn manche Zustände im Waisenhaus, und die Vision eines Kinderdorfes nahm rasch gestalt an.
Bereits 1974 erhielt er für sein Wirken das Bundesverdienstkreuz, 1975 wurde Erwin Knam den päpstlichen Ehrentitel Monsignore verliehen. 1992 folgte die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und im Jahr 2001 verlieh die Stadt Ellwangen ihm die Bürgermedaille in Silber.
Seinen Lebensabend verbringt er in seinem Lebenswerk, der Marienpflege Ellwangen.


2015: Staufermedaille für Erwin Knam
Ein Leben für das Kinderdorf
Monsignore Erwin Knam erhielt am 17.12.2015 die Staufermedaille in Gold. Diese hohe baden-württembergische Auszeichnung hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann dem ehemaligen Kinderdorfvater am 13. November auf Vorschlag der Stadt Ellwangen für seine 'besonderen und vielseitigen Verdienste um die Allgemeinheit' verliehen.
Erwin Knam war über 40 Jahre lang, von 1959 bis 2000, Direktor der Marienpflege. In dieser Zeit hat der katholische Theologe das einstige Waisenhaus zielstrebig und modellhaft zum modernen Kinder- und Jugenddorf entwickelt. Nicht grundlos erhielt Monsignore Knam als Gründer des Kinderdorfes damals das Attribut des ,,kinderreichsten Vaters" der Diözese. 40 Jahre lang war er jeden Abend in einer anderen Kindergruppe beim Abendessen, war für die Kinder Vater und Mutter zugleich. Er hat mit den Kindern gespielt, gebetet, gesungen und die Herrlichkeit der Schöpfung bestaunt, er ist mit ihnen gewandert und geschwommen. Mit Tausenden von Mädchen und Jungen war der Kinderdorfvater auf Klettertouren in den Alpen. In den Sommerferien war er als passionierter Busfahrer und Fotograf mit dem eigenen Omnibus unterwegs, um mit Kindergruppen Ferien zu machen, an der Nordsee, in Frankreich, in Südtirol oder am Bodensee.
Knam war nicht nur Vater, Lehrer, Erzieher und Freund, sondern auch Bauherr und „Bauarbeiter mit Presslufthammer". Er musste schauen, wo er das Geld für den Bau von 16 Kinderdorfhäusern, den Bau der Sportstätten, der Kindergärten, der Schule, der Erziehungsberatungsstelle und das Geld für die Sanierung zweier denkmalgeschützter Gebäude herbekam. Knam gründete einen Freundeskreis, hielt Hunderte von Bettelpredigten, an manchen Sonntagen bis zu zwölf und brachte so, mit Hilfe von rund 6000 Wohltätern, rund 50 Millionen Mark zusammen.
Der gesundheitlich stark angeschlagene Seelsorger wurde am 28. Juni 1926 in Langenargen am Bodensee geboren und wuchs mit fünf Geschwistern auf. Seine Eltern betrieben dort. eine Gärtnerei. Am 29. Juli 1951 wurde Knam in Ulm-Wiblingen zum Priester geweiht. Der nun mit der Staufermedaille Ausgezeichnete ist auch Träger der Bürgermedaille der Stadt Ellwangen in Silber und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Sein Leben hat er in dem Buch „Gnade und Abenteuer" beschrieben.
Josef Schneider in der Ipf- und Jagst-Zeitung am 07.12.2015


2016: Erwin Knam verstorben
Am 2. März 2016, ist unser geschätzter Direktor i.R. Msgr. Erwin Knam verstorben.
Die letzten beiden Wochen musste er im Krankenhaus verbringen, seine schnell fortschreitende Krebserkrankung hatte ihn sehr entkräftet. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch konnte er am Morgen des 1.März 2016 ins Ellwanger Hospiz der St. Anna-Schwestern wechseln: "Ich möchte die letzten Schritte auf meinem langen Weg zum Gipfel gut geistlich begleitet sein. Bitte sag alle Arzttermine ab und gib im Hospiz Bescheid." sagte er mir eine Woche vor seinem Tod. Und: "Ich hatte ein wunderbares Leben und konnte so vieles bewirken." Er sah mit aufrechter Haltung und einer Klarheit, die ihn das ganze Leben auszeichnete, dem nahenden Tod entgegen: "Es ist gut dass ich gläubig sein kann. Das ist ein Geschenk Gottes, ich muss keine Angst haben."
Erwin Knam wurde am 8. März in Ellwangen verabschiedet und am 9. März in Langenargen beigesetzt. Viele hundert Menschen haben von ihm Abschied genommen.
Seit über 56 Jahren lebte Pfarrer und Direktor Erwin Knam im Kinderdorf - und er lebte für das Kinderdorf. Er baute das Waisenhaus Marienpflege visionär in ein Kinderdorf um und später in ein Zentrum für Kinder- und Jugendhilfe. Er trug 41 Jahre die Verantwortung als Direktor und "Kinderdorfvater", und in den letzten 15 Jahren begleitete er uns als Ruheständler und "Kinderdorfopa" auf vielfältige Weise, vor allem im Freundeskreis und seelsorglich.
Die Gemeinschaft des Kinder- und Jugenddorfes Marienpflege, viele Wegbegleiter und viele ehemalige Heimkinder trauern um Erwin Knam. Wir sind ihm zu unendlichem Dank verpflichtet und werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, die ihn bis zur letzten Stunde liebevoll begleitet hat.
In großer Trauer und im Namen der ganzen Kinderdorfgemeinschaft
Ralf Klein-Jung
Vorstand

2020: Wechsel im Aufsichtsrat
Pfarrer Anton Esswein wurde in der Märzsitzung 2020 nach 14 Jahren und zwei Amtsperioden auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin kurz, aber nicht minder herzlich aus dem Aufsichtsrat verabschiedet.
Seit 2006 gehörte er dem Aufsichtsrat an und hatte durchgehend den Vorsitz inne. Sein Stellvertreter Herr Kuhn fasst im Namen des Aufsichtsrates den Dank für das wunderbare und verlässliche Engagement zusammen mit der Beschreibung des vertrauensvollen und zielführenden Miteinanders. Pfarrer Esswein dankte ebenso dem Gremium und besonders seinem Stellvertreter für die langjährige verbindliche Sitzungsführung. Dies habe ihn stets erheblich entlastet.
Pfarrer Esswein begleitet das Kinderdorf und die Rupert-Mayer-Schule im Ruhestand auch seelsorglich und liturgisch. Viele Sonntags- und Schulgottesdienste hat er schon mit Kindern und Mitarbeitenden gefeiert, Erstkommunion gespendet, Menschen in Krisen seelsorglich begleitet.
Aufsichtsrat und Vorstand dankten ihm von Herzen für sein Engagement.
Wolfgang Kuhn war am 4. November 1980 auf Lebenszeit in den Aufsichtsrat gewählt worden. In der Novembersitzung legte er nun nach 40 Jahren im Ehrenamt sein Mandat nieder.
Aufsichtsratsvorsitzender Josef Rettenmaier würdigte sein langes und erfolgreiches Wirken: Seinen Beginn mit dem damaligen Vorsitzenden Pfarrer Patriz Hauser, die letzten großen Bauabschnitte (Rupert-Mayer-Schule, Verwaltung, Klostersanierung, Bauernhof) mit Direktor Msgr. Erwin Knam, die Neubesetzungen von Vorstands- und Leitungsstellen.
Sein pädagogischer Sachverstand, seine berufliche Erfahrung in der Erzieherinnenausbildung als langjähriger Schulleiter von St. Loreto Ellwangen, seine christliche Wertebindung und seine Menschenkenntnis haben über Jahrzehnte den Aufsichtsratsrat geprägt. Josef Rettenmaier: „Tolerant, empathisch, höflich, korrekt und bienenfleißig, so haben ich und viele andere Sie erlebt. Insbesondere in Ihrer Funktion als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, der viele viele Sitzungen leitete, waren diese Eigenschaften wichtig. Von großem Nutzen waren sicher auch Ihre Verbindungen und Kontakte zu anderen Einrichtungen und Institutionen in der Stadt. Sie sind hoch engagiert im Katholischen Bildungswerk, im Seniorenrat der Stadt Ellwangen und auch im Bund Neudeutschland.“
Mit großer Dankbarkeit und in herzlicher Verbundenheit wurde Herr Kuhn nun verabschiedet. Der verbleibende und teils neu besetzte Aufsichtsrat wird gefordert sein, seine Talente, seine kritischen Fragen, seine Verbindlichkeit und Verlässlichkeit fort zu führen.





